Meine Reise zu mir selbst

Und warum Ayurveda dabei erst der Anfang war


Vor 2,5 Monaten bin ich mit einem Zustand losgereist, den ich im Nachhinein wohl als „nervöse Erschöpfung“ beschreiben würde. Äußerlich funktionierte ich zwar, innerlich fühlte sich mein Nervensystem jedoch dauerhaft angespannt an – wie unter Strom. Schlaf, Gedanken, Gefühle: alles stand unter einer feinen, permanenten inneren Spannung.


Meine Reise begann in einem Ayurveda Hospital in Kerala in Südindien, wo ich vier Wochen lang eine Panchakarma Kur machte. Schon kurz nach meiner Ankunft hatte ich eine Ohnmacht – rückblickend vielleicht ein ziemlich symbolischer Moment. Mein Körper zog gewissermaßen die Notbremse. Und genau dort begann etwas Wichtiges: Ich musste Kontrolle abgeben.


Anfangs war ich skeptisch. Ich hatte bereits Vorwissen über Ayurveda und verglich vieles mit dem, was ich gelernt hatte. Anwendungen wurden anders durchgeführt, Abläufe wirkten ungewohnt, manches erschien mir zunächst unlogisch. Doch irgendwann – vielleicht nach drei oder vier Tagen – begann ich, mich wirklich einzulassen. Ich entwickelte Vertrauen. Nicht weil plötzlich alles perfekt war, sondern weil ich mich dort trotz aller Fremdheit sicher fühlte. Besonders die liebevolle Fürsorge nach meiner Ohnmacht hat viel in mir verändert.


Die Tage dort waren ruhig, monoton und fast ereignislos. Keine Dauerunterhaltung, keine Reizüberflutung, kein ständiges „Mehr“. Und genau darin lag wohl die eigentliche Heilung. Mein Körper begann sich zu beruhigen. Mein Geist wurde langsamer. Gedanken sortierten sich neu. Vieles fühlte sich plötzlich weniger wichtig an.


„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Länder zu suchen, sondern neue Augen zu haben.“ – Marcel Proust


Nach Indien verbrachte ich einige Tage in Singapur – einer Stadt, die mich sehr beeindruckt hat. Riesig, modern, effizient und gleichzeitig unglaublich sauber und gepflegt. Ich hatte dort zum ersten Mal das Gefühl, dass Millionen Menschen tatsächlich respektvoll und höflich auf engem Raum zusammenleben können. Gleichzeitig hinterließ die starke Überwachung und die Vielzahl strenger Regeln auch ein ambivalentes Gefühl in mir. Ordnung um welchen Preis? Dennoch habe ich diese Stadt sehr genossen: die berühmten Gardens by the Bay mit ihren Lichtinstallationen, die Night Markets, die unglaublich funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel und einen Abend an der Marina Bay mit Live-Musik und einem Singapore Sling.


Danach reiste ich weiter nach Malaysia. Kuala Lumpur empfand ich als spannend, aber auch als laut, heiß und reizintensiv. Relativ spontan änderte ich deshalb meine Reisepläne und fuhr in die Cameron Highlands – eine grüne, kühle Bergregion voller Teeplantagen. Dort hatte es plötzlich zehn Grad weniger und ich merkte, wie sehr mein Nervensystem aufatmete. Besonders beeindruckend war für mich eine Wanderung durch den Dschungel, einen der ältesten Regenwälder der Welt. Es war wunderschön – und gleichzeitig wurde mir dort klar, dass Reisen nicht automatisch bedeutet, irgendwo glücklicher zu sein als zu Hause. Im Gegenteil: Oft wurde mir unterwegs bewusst, wie sehr ich die Natur, das Essen, das Klima und die Alltagskultur Europas liebe.


Die letzten 4,5 Wochen verbrachte ich schließlich in Thailand – gemeinsam mit meiner erwachsenen Tochter. Diese Zeit war ein echtes Geschenk. Ich glaube, wir haben uns noch einmal ganz neu kennengelernt. Wir haben viel gelacht, gespielt, gesungen und manchmal einfach stundenlang nichts getan. Es gab wunderschöne Momente in kleinen Holzbungalows, Frühstücke mit Blick aufs Meer, Bootsfahrten, Tempel, Märkte und Sonnenuntergänge.


Gleichzeitig gab es aber auch Dinge, die mich sehr nachdenklich gemacht haben. Die enorme Hitze – der heißeste April, den Thailand bisher erlebt hat –, Plastikmüllberge, der teilweise permanente Geruch nach Abwasser oder Kloake und die sichtbare Umweltbelastung waren schockierend. Besonders absurd fühlte sich an, selbst Teil dieses Systems zu sein: ständig Wasserflaschen kaufen zu müssen, Transporte zu nutzen, Müll zu produzieren. Diese Reise hat mich auch demütiger gemacht.


Und noch etwas habe ich verstanden: Heilung bedeutet nicht, dauerhaft ruhig oder glücklich zu sein. Es bedeutet eher, sich selbst ehrlicher wahrzunehmen. Ich habe auf dieser Reise erlebt, wie schnell mein Nervensystem wieder in Stress gerät, wie stark Kontrolle und Misstrauen manchmal noch in mir wirken – aber auch, dass ich heute anders damit umgehen kann als früher.


Ich komme nicht „perfekt entspannt“ zurück. Aber weicher. Langsamer. Dankbarer. Und mit dem Gefühl, dass wirkliche Veränderung oft nicht in den spektakulären Momenten geschieht, sondern in den stillen.

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